BERATUNG VOR EINVERNEHMLICHER SCHEIDUNG GEMÄSS § 95 ABS. 1A AUßSTRG

Vorrang für das Kindeswohl

Bei den meisten Scheidungen gelingt es bereits im Vorfeld Einvernehmen über die Regelung der Scheidungsfolgen (z.B. hauptsächlicher Aufenthalt der Kinder, Obsorge, Ausübung des Rechtes auf persönlichen Verkehr, Kindesunterhalt) zu erzielen.

Aber auch dann, wenn es zu einer einvernehmlichen Scheidung der Eltern kommt, bedeutet das für Kinder einen schmerzlichen Einschnitt in ihre Lebenssituation, einen massiven Verlust (auch, wenn unmittelbar dadurch eine Entspannung der aktuellen Lebenssituation eintreten kann), das Gefühl von Ohnmacht, Hilflosigkeit, Wut und Scham, Schuldgefühle, dass vielleicht eigenes Fehlverhalten der mögliche Grund für die Scheidung gewesen sein könnte, Ängste, den Elternteil – der weggeht oder nicht mehr so häufig da ist – zu verlieren, Loyalitätskonflikte gegenüber den Eltern, Neuorientierung im Familienleben bei geänderten Lebensverhältnissen / getrennten Wohnorten. Damit Eltern erfahren, wie es Kindern in dieser Situation geht und was sie von ihren Eltern brauchen, um die Trennung gut zu bewältigen, gibt es vor der einvernehmlichen Scheidung eine verpflichtende Beratung. In einem einmaligen Termin (Einzel-, Elternpaargespräch oder Gruppe) bekommen Sie Informationen über typische Gefühlen, Sorgen, Ängste und Konflikte von Kindern und Jugendlichen, deren Eltern sich trennen, und erfahren, wie Sie Ihre Kinder bestmöglichen unterstützen können.

Sie erhalten eine Bestätigung über die Teilnahme an der Beratung, die Sie dem Gericht vorlegen müssen.

Gesetzestext: § 95 Abs. 1a AußStrG

Vor Abschluss oder Vorlage einer Regelung der Scheidungsfolgen bei Gericht haben die Parteien zu bescheinigen, dass sie sich über die spezifischen aus der Scheidung resultierenden Bedürfnisse ihrer minderjährigen Kinder bei einer geeigneten Person oder Einrichtung haben beraten lassen.

Die Beratungspraxis zeigt [...], dass der Besuch einer Beratung, zu der beide Elternteile verpflichtet sind, bei manchen
Elternpaaren erste Kooperationen zu einer „Elternschaft neu“ entstehen lassen, die ohne dieses Beratungsangebot zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich gewesen wären. Elternberatung nach § 95 Abs. 1a AußStrG birgt somit die Möglichkeit, die Verarbeitung der Trennung so zu gestalten (bzw. auch weiterführende Beratungen in Anspruch zu nehmen), dass sich für die
betroffenen Kinder Entwicklungschancen eröffnen. Erste Erfahrungen mit der Elternberatung nach § 95 Abs. 1a AußStrG bestätigen, dass Eltern die Beratungsangebote trotz anfänglicher Widerstände vielfach als hilfreich wahrnehmen und sich in der Bewältigung des Scheidungsprozesses unterstützt fühlen.

In der Beratung nach § 95 Abs. 1a AußStrG soll Eltern vermittelt werden, dass aus pädagogischer und entwicklungspsychologischer Sicht die Möglichkeit besteht, die Trennung von Eltern konstruktiv und ohne traumatische Langzeitfolgen zu verarbeiten.
Um Kinder in diesem Sinne in der Verarbeitung der elterlichen Scheidung unterstützen zu können, ist es allerdings notwendig, dass Eltern darüber informiert werden, unter welchen Voraussetzungen dies möglich ist, was sie dazu beitragen und wie sie den Kindern in altersentsprechender Form wichtige Vorgänge – wie etwa die bevorstehende Trennung und deren Konsequenzen –
erklären können.

(Quelle: Bundeskanzleramt- Bundesministerium für Frauen, Familien und Jugend)